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Die Geschichte der Luthergemeinden in der EKBO

2017 feiern wir den 500. Jahrestag der Reformation.
Mit Lutherjubiläen der Vergangenheit war auch die Benennung von Gemeinden und Kirchen nach dem Reformator Martin Luther verbunden.
In der Ev. Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) gibt es 13 Kirchengemeinden bzw. Kirchen oder Gemeindehäuser, die den Namen des Reformators tragen.
Dieses Projekt möchte die neuere (Kirchen-)Geschichte am Beispiel der Luthergemeinden in der EKBO genauer untersuchen, in einen historischen Zusammenhang stellen und eine Brücke zur heutigen Gemeindearbeit schlagen.
Mit dieser Seite wollen wir die aktuellen Projektergebnisse vorstellen. 9 Gemeinden haben Informationen zu ihrer Geschichte zusammengetragen. Sie gelangen zu den Gemeindeseiten durch einen Klick auf das jeweilige Bild, den Gemeindenamen (im rechten Bereich) oder über das Hauptmenü.
Eine zusammenfassende Darstellung der Erkenntnisse in unserer Projektgruppe finden Sie anschließemd auf dieser Seite. 
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Unsere Ergebnisse

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und zum Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre entstanden in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz 13 neue Gotteshäuser, die den Namen Martin Luthers erhielten (siehe Tabelle). Ursache der Neubauten und Neugründungen war die Industrialisierung, die in Berlin und in aufblühenden Provinzstädten zu Einwanderungswellen führte. Ähnlich rasch wuchs die Nachfrage nach christlichem Gemeindeleben, kirchlichen Strukturen und Neubauten mit protestantischem Profil. Die Kirchenbauten jener Zeit spiegeln auch architektonisch die evangelische Sicht auf den Gottesdienst wider. Im Zentrum sind Predigt und Abendmahl.
Oft waren es die ersten evangelischen Kirchenbauten in der Region. Darum wurde der Reformator Luther als Namenspatron ausgewählt. Daneben trugen die neuen Kirchengebäude  und Gemeinden des 19. Jahrhunderts allerdings auch die Namen von preußischen und kaiserlichen Herrschaften – Königin Luise, Kronprinz Friedrich Wilhelm, Kaiser Wilhelm. Denn der preußische König war auch der oberste Dienstherr der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union. Bei der Namensgebung sowohl nach dem Reformator wie nach Personen des Königshauses spielte freilich noch etwas anderes hinein. Martin Luther sollte als Reformator der Deutschen zur Geltung gebracht werden, für dessen Kirchenverständnis sich auch der preußische König und schließlich der deutsche Kaiser einsetzten.
Diese Tendenz, den „deutschen Luther“ mit dem deutschen Nationalismus zusammenzureimen, erfuhr in der Zeit des Nationalsozialismus eine tief problematische Zuspitzung. Besonders deutlich wird das in der 1935 eingeweihten Martin-Luther-Gedächtniskirche Berlin-Mariendorf, in der sogar das Hakenkreuz und Wehrmachtsoldaten zur Ausgestaltung gehören. Die Chroniken zeigen allerdings auch, dass unter Berufung auf den unverfälschten Luther der Vereinnahmung des Reformators durch den Geist des Nationalsozialismus Widerstand geleistet wurde. In einigen Gemeinden wird in den Chroniken über die Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen berichtet.
Auch der atheistische Weltanschauungsstaat der DDR besann sich in den 1980er Jahren im Zuge sozialistischer Erberezeption auf Luther und versuchte ihn als Repräsentanten der „frühbürgerlichen Revolution“ für sich zu vereinnahmen. Dem verdankt die Luthergemeinde in Görlitz  die Möglichkeit, das im Krieg eingeschmolzene Lutherdenkmal wieder aufzustellen.
Die Geschichte unterschiedlicher ideologischer Vereinnahmung Luthers zeigt eindrucksvoll die Ausstellung "Sankt Luther - Reformator zwischen Inszenierung und Marketing" des Berliner Stadtmuseums in der Nikolaikirche, über welche die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) schreibt: "Unter den preußisch-protestantischen Hohenzollern wurde Luther zum deutschen Heros, dann nach 1870 zum visionären Reichseiniger stilisiert. In den zwei Weltkriegen machte man ihn zur Symbolfigur des Durchhaltewillens." Jeder Geburts- und Todestag Luthers sei für polit-religiöse Feiern verschiedenster ideologischer Ausrichtung genutzt worden – und spielte auch bei Namensgebungen von neuen Kirchen und ihren Gemeinden eine Rolle.
Bis heute kann am Beispiel der Luthergemeinden die Zeitgeschichte des evangelischen Gemeindelebens exemplarisch nachvollzogen werden.  Sowohl in Ost- als auch in Westberlin entstanden nach dem Prinzip „Eine Predigtstätte – Eine Gemeinde“ in den 1950ger Jahren neue Gemeinden, die nach der Predigtstätte – in unseren Beispielen nach Martin Luther –benannt wurden. In  Westberlin  wuchsen insbesondere durch Flüchtlinge die Gemeinden und es entstanden Neubauten, wie die Lutherkirche in Reinickendorf. Die Luthergemeinde in Pankow wurde durch den Mauerbau geteilt, der im Westen liegende Gemeindeteil erhielt ein neues Gotteshaus durch Spenden der skandinavischen Kirchen. Im Osten mussten sich die Gemeinden gegen die Kirchenfeindlichkeit und die politischen und wirtschaftlichen Beschränkungen im SED-Staat behaupten.
Spätestens mit dem Fall der Mauer änderte sich das gesellschaftliche Umfeld der Gemeinden: Neue Nachbarn mit anderen Religionen, zunehmende Kirchenferne der Bevölkerung und der Wegzug vieler Menschen sowohl aus den ehemaligen Industriegebieten als auch aus den ländlichen Regionen Brandenburgs. Kirchengemeinden mussten fusionieren, Kirchengebäude sogar abgegeben werden. Eine große Herausforderung ist die Instandhaltung insbesondere der großen Kirchengebäude. Wohnungen und Kindergärten sorgen in einigen Kirchengebäuden für Leben auch außerhalb der Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen. Das heutige Gemeindeleben in den Lutherkirchen und –häusern  ist vielfältig und unterschiedlich, so wie die Lebensbedingungen und das gesellschaftliche Umfeld. Zu erleben war dies eindrucksvoll bei den vielen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr der Reformation und insbesondere zum Kirchentag im Mai.

Bodo Machner unter Verwendung eines Textes von Uli Schulte Döinghaus in der Zeitung „Die Kirche“ vom 9.4.2017

Letzte Änderung am: 19.10.2017